Häufig wird gefragt, inwiefern sich Argunet von Mind-Mapping-Software unterscheide. Warum sollte man Argunet wählen, wenn es doch bereits so viele Mind-Mapping-Alternativen gibt?
Argument-Mapping-Software ist nicht generell besser als Mind-Mapping-Software. Je nach Anwendungskontext kann eine Argument-Mapping- oder eine Mind-Mapping-Software besser geeignet sein.
Eine Mindmap ist die Darstellung gedanklicher Zusammenhänge in einem Netz. In Mindmaps lassen sich beliebige Gedankenbruchstücke und Assoziationen sortieren und zudem in eine mnemotechnisch geeignete Form bringen. Die entsprechenden Netze haben auf den ersten Blick viel Ähnlichkeit mit den Argumentlandkarten, die mit Argunet erstellt werden sollen. Dies darf jedoch nicht über wesentliche Unterschiede in der Methodik und Zielsetzung hinwegtäuschen.
Eine Argumentlandkarte ist hingegen die Darstellung der Gründe für und wider eine (oder mehrere) umstrittene Thesen. Sie dient dazu, Argumentationen logisch und argumentationstheoretisch zu rekonstruieren, zu analysieren und zu evaluieren. Die Zielsetzung ist insofern spezieller und genauer gefasst, die Methodik sehr viel strenger und umfangreicher.
Die folgende Tabelle gibt einen Überblick über die Eigenschaften von Mind-Mapping-Software, die sie ungeeignet zum Argument-Mapping machen.
Tabelle 1.1. Warum Argunet besser für das Argument-Mapping geeignet ist als Mind-Mapping-Software
| Aspekt | Mind-Mapping-Software | Argument-Mapping mit Argunet |
|---|---|---|
| Zweck | Mind-Mapping: Brainstorming, Notierung, Kategorisierung beliebiger Inhalte | Argument-Mapping: Rekonstruktion und Visualisierung komplexer Argumentationen und kontroverser Debatten |
| Gestaltungsfreiheit vs. Verständlichkeit | Je mehr Gestaltungsfreiheit für den Benutzer, desto besser! Bilder, Farben und Formen sollten dem Benutzer zur freien Verfügung stehen. | Keep it simple! Der Benutzer soll sich beim Erstellen und Lesen einer Landkarte auf den Inhalt konzentrieren können, ohne auf die Darstellung achten zu müssen. Den grafischen Elementen wird eine feststehende inhaltliche Bedeutung gegeben, um Allgemeinverständlichkeit zu ermöglichen. |
| Anwendungsvielfalt vs. funktionale Spezialisierung | Je mehr Anwendungsfelder, desto besser! | Je enger das Anwendungsfeld eines Werkzeugs (die logische Rekonstruktion von Debatten), desto besser wird es seine Funktion erfüllen können. |
| Brainstorming vs. logische Analyse und Rekonstruktion | Software zum Brainstorming muss dem Benutzer ermöglichen, vage Assoziationen möglichst einfach, schnell und zwanglos notieren zu können. | Software zur logischen Rekonstruktion muss dem Benutzer ermöglichen, präzise, detailliert, konsistent und regelgeleitet Begründungen analysieren zu können. |
| Knoten: Inhalt | Der Benutzer kann jeden Knoten auf beliebige Weise ausfüllen (z. B. "Berlin", "Mehl", "Demokratie", "Ozonloch", "Bürgermeister"). Die Struktur des Inhalts ist nicht vorgegeben. | Argumentlandkarten enthalten ausschließlich Argumente oder Sätze. Argumente haben eine Prämissen-Konklusion-Struktur, eine Kurzbeschreibung, einen Titel, optional ein Schlussmuster, eine Formalisierung, Quellenangaben, Kommentare usw. |
| Knoten: Gestaltung | Der Benutzer kann jeden Knoten auf beliebige Weise gestalten. | Die Visualisierung von Argumenten und Sätzen ist festgelegt, um durch Farbkodierung, Form usw. allgemeinverständlich und einheitlich argumentationstheoretische Eigenschaften der Knoten darzustellen. |
| Kanten: Inhalt | Der Benutzer kann beliebige Relationen erstellen (z. B. "... benötigt ...", "... ist Vater von ...", "... verhindert ...", "... besteht aus ...", "... verneint ..."). Diese Relationen sind nicht klar definiert und können nicht automatisch ergänzt werden. | Es gibt nur zwei Beziehungen zwischen Knoten: Angriffe und Unterstützungen. Diese Beziehungen sind logisch exakt definiert, sie lassen sich zurückführen auf Satz-Äquivalenzklassen, zwischen denen es konträre Beziehungen gibt. Die Konsistenz der logischen Beziehungen kann deswegen automatisch verwaltet werden, neue Beziehungen ergeben sich bei Erweiterungen der Landkarte automatisch aus den bereits definierten Beziehungen. |
| Kanten: Gestaltung | Der Benutzer kann jede Kante auf beliebige Weise gestalten | Angriffe und Unterstützungen sind allgemeinverständlich farbkodiert (rot und grün). Zusätzlich werden skizzierte und logisch rekonstruierte Beziehungen grafisch voneinander unterschieden. |
| Graphenstruktur | Mindmaps sind zumeist planar und hierarchisch aufgebaut (Baumstruktur). | Argumentlandkarten können zirkuläre Strukturen enthalten, multipolar sein, viele Querverbindungen und Überlappungen haben. |
| Widersprüchliche Positionen | Mindmaps sind nicht gut dazu geeignet, sich widersprechende Positionen abzubilden; der Aufwand ist groß und stellt hohe Anforderungen an den Benutzer. | Argumentlandkarten wurden dafür konzipiert, sich widersprechende Positionen darzustellen. Durch systematische Farbkodierung lassen sich leicht die Teilnehmer einer Debatte visualisieren, und die Widersprüche zeigen sich eindeutig und präzise in den logischen Beziehungen. |
| Konsistenz und Kohärenz | Mindmaps sind aufgrund ihrer ungeregelten Beliebigkeit und Offenheit nicht dazu geeignet, die Konsistenz und Kohärenz einer Position zu überprüfen oder zu gewährleisten. | Argumentlandkarten offenbaren durch ihre strenger geregelte Struktur schnell die Widersprüche und Zusammenhänge zwischen Positionen. |
| Kollaboration | Mindmaps sind kaum zur Kollaboration in mittleren und größeren Gruppen geeignet. Der Abstimmungsbedarf ist hoch, Konsens muss vorausgesetzt werden | Argumentlandkarten sind aufgrund ihrer eindeutigen Visualisierung und der strengen Definition ihrer Inhalte besonders geeignet, um kontroverse Diskussionen zu strukturieren. Kollaboration in mittleren und größeren Gruppen wird durch die regelgeleitete Eingabe der Argumente erleichtert. Konsens wird nicht vorausgesetzt (Meinungsvielfalt ist der Normalfall). |
| Präsentation, Informativität, Objektivität | Mindmaps sind nicht allgemeinverständlich, da sie a) häufig gerade dazu da sind, subjektive, individuelle Assoziationen, Kategorisierungen vorläufig und vorbereitend zu notieren, und da b) die Visualisierung nicht regelgebunden und kartenübergreifend einheitlich ist. | Argumentlandkarten sind allgemeinverständlich, da sie a) die intersubjektiv geltenden logischen und semantischen Beziehungen unserer Äußerungen rekonstruieren und ihre Visualisierung b) regelgebunden und kartenübergreifend ist. |
| Evaluation | Da weder Knoten noch Kanten klar definiert sind, ist eine automatische Evaluation kaum möglich. | Knoten und Kanten erlauben vielfältige Möglichkeiten der automatischen Evaluation. |